(Das Interview wurde am 18.01.2012 geführt)
Frage: Du bist jetzt seit gut fünf Monaten hier in Iserlohn, wie hast du dich eingefunden und wie sieht deine persönliche Bilanz bis hierher aus?
Caron: Da ich schon in der Schweiz gespielt habe war es eigentlich ziemlich einfach für mich. Das Wichtigste neben der Wohnung waren für mich ein funktionierendes Telefon und ein Internetanschluß. Alles andere war wirklich leicht, ich kenne mich schon recht gut aus hier, alles schaut prima aus.
Frage: Du bist ja ziemlich erfolgreich in die Saisonvorbereitung gestartet und hast gegen Düsseldorf sofort einen Shut-Out gefeiert. Auf deinen nächsten Shut-Out musstest du dann aber bis in den Januar warten, bis zum Spiel gegen Ingolstadt. Warum hat es so lange gedauert und was waren deine Gefühle nach diesem Zu-Null-Spiel?
Caron: Weißt du, so wichtig ist ein Shut-Out für mich nicht. Mir ist es wichtiger, überhaupt Spiele zu gewinnen. Da nehme ich lieber fünf Siege als einen Shut-Out. Es ist sicher ein tolles Gefühl, ohne Gegentor zu bleiben, aber wichtiger ist es für mich, mit dem Team so viele Siege wie möglich zu feiern. Ein Shut-Out ist zwar sicher ein gutes Zeichen, du hast gut gespielt und das Team auch, aber unter dem Strich zählen die Punkte, wenn du mit deinem Team die Play-Offs erreichen willst. Also versuche ich, so gut wie möglich zu spielen, und dann sehen wir mal, was noch so passiert.
Frage: Wie sind die Roosters und wie ist Karsten Mende in Kontakt zu dir getreten?
Caron: Ich hatte mich schon zu meiner Zeit in Fribourg ein paar Mal mit Doug Mason getroffen, der damals noch Mannheim coachte. Er war mit meinem Torwarttrainer, der in der Zeit sowohl in Mannheim als auch in Fribourg half, befreundet. Er hat dann einige Spiele von uns in Fribourg, unter anderem in den Play-Offs, angeschaut. Kurz bevor Doug hier in Iserlohn unterschrieben hat habe ich ihn letztes Jahr nochmal in Lugano getroffen. Im Sommer haben wir dann mehrmals telefoniert.
Doug wusste, dass ich nicht in Lugano bleiben würde und daher fragte er mich, ob ich vielleicht interessiert wäre, hier zu spielen. Da ich von Bekannten viele gute Dinge über Iserlohn gehört hatte habe ich mich dann entschieden, in die DEL zu wechseln und mich hier zu versuchen. Und ich kann dir sagen, dass ich es auf keinen Fall bereut habe, sonst hätte ich sicher nicht für zwei weitere Jahre unterschrieben.
Frage: Wie sind deine Eindrücke von Verein, Organisation und dem Stadion here?
Caron: Es erinnert mich vieles hier an die Schweiz, Europa unterscheidet sich sehr von Nordamerika. Aber ich war ja wie gesagt schon in Fribourg, einer Stadt mit etwa 60.000 Einwohnern, da war vielleicht sehr ähnlich wie hier. Die Leute dort sind auch total eishockeyverrückt und lieben den Sport und ihr Team. Ich hatte dort eine tolle Zeit und war mir sicher, dass es hier genauso sein würde.
Frage: Wie einfach war die Integration in das Team und das Umfeld für mich, gerade wenn man an die sehr abwechslungsreiche Vorbereitung denkt?
Caron: wenn du zu einem neuen Verein kommst sind immer einige Dinge anders. Du musst ein gewisses Gefühl für die Leute und das Umfeld entwickeln. Die Saisonvorbereitung war schon etwas eigenartig, wenn ich an die Spiele in Österreich oder den Abbruch in Dortmund denke. Eigentlich hat ja alles ganz gut begonnen, wir sind dann aber ins Straucheln geraten und haben eine Phase mit gut 10 Spielen hinter uns, in denen es nicht so gut lief. Wir haben dann versucht, ein paar Änderungen einzuführen, auch in der Kabine, um uns zu lockern und mehr Spaß zusammen zu haben. Und nun zeigt sich ja auch auf dem Eis, dass das wohl geklappt hat. Ich gebe euch mal ein Beispiel, was wir gemacht haben. Beim Kabinenfest in der letzten Woche habe ich mal ein kleines Bierfass als Extra dazugegeben. Wir haben dann ein paar kleine Spielchen gemacht, die viele Jungs noch vom College her kennen und hatten einen guten Abend zusammen. So kleine Sachen helfen, die Jungs noch enger zusammen wachsen zu lassen.
Frage: Im Vorbereitungsspiel in Klagenfurt hast du dich ein wenig mit einem Gegenspieler geprügelt. Wie ist das abgelaufen und was ist genau passiert?
Caron: Auch in der AHL habe ich schon mal so für einen Teamkameraden reagiert. Es war diesmal so, dass alle Spieler bis auf Dave Spina bereits an anderer Stelle auf dem Eis waren. Der Gegenspieler gab Dave dann einen gemeinen Stockschlag in die Kniekehle. Das geschah direkt vor mir, die anderen haben das gar nicht gesehen. Das war echt ein übler Schlag, mit beiden Händen, da habe ich mich dann entschieden ihm deutlich zu machen, dass es so nicht geht.
Frage: Hast du in deiner Karriere schon mit einem deiner jetzigen Teamkameraden zusammen gespielt?
Caron: Ich habe mit Jassen Cullimore schon mal ein Training Camp in Chicago absolviert und mit Brett Skinner in Portland für ein paar Spiele im Team gestanden, ansonsten hatte ich mit den Jungs glaube ich noch nichts zu tun.
Frage: Was hältst du von den deutschen Spielern im Team?
Caron: Es läuft hier ein wenig anders als in der Schweiz. Hier besteht etwa die Hälfte des Teams aus einheimischen Spielern, in der Schweiz waren es deutlich mehr. Die Spieler hier sind schon ziemlich gut, nicht jedes Team hat so gute und das Spiel bestimmende deutsche Spieler. Es fällt mir auch auf, dass die einheimischen Spieler auch eine große Rolle in der Liga spielen.
Frage: Wie ist deine Karriere bis zu deinem NHL-Draft 1999 verlaufen und wie hast du dich gefühlt, als du von diesem Draft erfahren hast?
Caron: Es ist eigentlich ziemlich ungewöhnlich verlaufen. Normalerweise spielt man Midget AAA und wird dann in ein Junior Team berufen, ich habe es aber nur bis in die Midget AA Liga geschafft und hatte schon darüber nachgedacht, meine Ausrüstung an den Nagel zu hängen, mein Vater hatte mir schon gesagt, dass es wohl mein letztes Jahr werden würde. Aber es wurde ein wirklich gutes Jahr und plötzlich war ich im Fokus von Rimouski, die mussten ihren Junior-Spielerkader auffüllen.
Dann haben sich mich zum Training Camp eingeladen, ich dachte, das geht vielleicht zwei oder drei Tage gut. Aber die waren sehr zufrieden mit mir, es lief immer besser und plötzlich stand ich fest im Team. Dort lief es auch besser von Woche zu Woche und nach der guten Saison wurde ich im Sommer plötzlich in die NHL gedraftet. Es ging alles wahnsinnig schnell. Im einen Sommer noch quasi vor dem Ausstieg aus dem Sport und ein Jahr später als NHL-Draft. Das war wirklich unfassbar.
Frage: Dein Geburtsort, Amqui, und der Ort Rimouski, in dem dein QMJHL Team spielt, sind sie weit voneinander entfernt?
Caron: Nein, es ist nur etwa eine Autostunde, für uns keine große Distanz. Beide Orte liegen schon ziemlich abseits in Quebec. Es geht dort noch viel um Fischfang und die Jagd. In der Gegend rund um Amqui mit etwa 5000 Einwohnern liegen vielleicht sechs oder sieben Dörfer, insgesamt leben dort im Umkreis von 50 Kilometern vielleicht 20.000 Menschen. Es ist recht ruhig dort im Norden von Quebec. Aber ich liebe es, im Sommer meine Eltern dort zu besuchen. Meine Frau und mein Sohn sind zurzeit in unserem Haus in Wilkes-Barre, Pennsylvania. Dort spielt das Farmteam von Pittsburgh, in dem ich auch in der AHL begonnen habe. Meine Frau habe ich dort kennen gelernt, und nun steht dort unser Haus. Dort verbringen wir dann einen Großteil des Sommers.
Frage: Wie ging es mit deiner Karriere nach dem NHL-Draft durch die Pittsburgh Penguins weiter?
Caron: Ich ging nach Wilkes-Barre, dem Farm Team der Penguins, und blieb dort für zweieinhalb Jahre. Es war eine schwierige Zeit für mich. Ich war gerade mal 20 Jahre alt und sprach kaum ein Wort Englisch, da in meiner Heimat in Quebec ausschließlich Französisch gesprochen wurde. Englisch wurde in der Schule zwar gelehrt, aber das war eher, um die Schulstunden rumzubekommen. Der Einstieg in Amerika gehörte dann wirklich zur härtesten Zeit in meiner Eishockeykarriere.
Gleichzeitig das Eishockey in der AHL mit den “großen Jungs” und eine komplett neue Sprache zu lernen, das verlangt dir wirklich einiges ab. Auch das ganz neue Leben in einem anderen Land, verbunden mit völlig neuen Gewohnheiten und Kosten, das ist ein Riesenschritt in meinem Leben gewesen.
Frage: Gut zwei Jahre nach dem Wechsel in die AHL kam dann der Ruf der NHL. In deiner Rookie-Saison hast du für die Pittsburgh Penguins insgesamt 24 Spiele gemacht. Wie waren deine ersten Eindrücke von der NHL und wie dein allererstes Spiel?
Caron: Ich bin schon in meiner ersten Saison in Wilkes-Barre mit den Penguins im Training Camp gewesen. Bei einer Reise nach Japan war ich dabei, wurde aber in den beiden Spielen gegen Nashville dort nicht eingesetzt, nur als Backup. Ein anderes Mal saß ich für die Penguins bei einem Spiel in Montreal auf der Bank, das war auch schon ziemlich aufregend. Mein erstes wirkliches NHL-Spiel war dann in Pittsburgh gegen die Rangers. Nummer Eins Goalie war zu der Zeit Jean-Sebastien Aubin, der jetzt in Düsseldorf ist, aber das Team spielte nicht besonders gut, und so wollten die Coaches etwas verändern. Das war ein toller Abend für mich, wir verloren zwar 0:3, aber ich habe es dennoch genossen. Wirklich erklären, was in diesen Momenten in mir vor sich ging, kann ich nicht. Der Coach hatte mich nach dem ersten Drittel gefragt, ob ich bereit sei, da wußte ich erst gar nicht, was er von mir wollte. Als ich auf das Eis fuhr war ich furchtbar nervös, habe gezittert und gehofft, dass es gut geht. Nachdem ich dann ein paar Scheiben gefangen hatte, lief es besser, aber nervös blieb ich bis Spielende.
Frage: In der Saison 2004/05 hast du für zwei Teams in einer Liga namens LNAH gespielt. Was ist das für eine Liga und wie bist du dort hineingeraten?
Caron: Das war zur Zeit des Lock-Outs. Es war damals schwierig, einen passenden Job zu finden. In Europa waren beispielsweise kaum Stellen für einen Goalie verfügbar. Die LNAH ist eine lokale Liga in Quebec. Eines der Teams rief mich an und fragte, ob ich die Saison dort spielen würde. Das Eishockey dort ist nicht schlecht, auch wenn einige “Holzfäller” in der Liga dabei waren. Doch ich hatte dort die Gelegenheit, täglich zu trainieren und im Rhythmus zu bleiben. Also habe ich das Beste aus der Situation gemacht. Das erste Team dort, aus Sagueny, war wirklich nicht gut, da habe ich eine Menge Schüsse abbekommen, das war schlimm, darum bin ich dann zum Jahreswechsel zu einem anderen Team gegangen. Das war wirklich eine verrückte Erfahrung für mich, dort in dieser Liga zu spielen.
Frage: Wie ging es nach dem Lockout-Jahr für dich weiter?
Caron: Zuerst war ich noch ein Jahr in Pittsburgh und Wilkes-Barre, danach habe ich in Chicago unterschrieben. Die hatten zwei sehr gute Goalies und ich habe in den Minors gespielt, immer bereit, hochzuwechseln. Eine wirkliche Chance hatte ich nicht, das eine Spiel, das ich für Chicago gespielt hatte, haben wir hoch verloren. Danach ging es gleich ab ins Farm Team.
Ich hatte dort nicht viel Spaß und habe dann das Management gefragt, ob sie mich nicht vielleicht wechseln ließen. Zu meinem Glück konnte ich nach Anaheim gehen, die hatten Verletzungsprobleme mit ihren Goalies. Sie haben mich dann die Saison über behalten, auch wenn ich öfter für Portland gespielt als in Anaheim auf dem Eis war. Aber auch wenn ich kaum gespielt habe, es war toll, dort zu sein. Die sechs Monate dort, auch mit den Play-Offs und dem Cup-Gewinn, das war schon klasse.
Frage: Wie kam dann die Entscheidung zustande, nach Europa zu wechseln?
Caron: Die Saison, in der wir in Anaheim den Cup gewannen, war sehr lang. Meine Sommerpause begann erst im Juni, nachdem es über die Saison hoch und runter, hin und her mit mir ging. Ich habe mich dann entschieden, dass ich mir das nicht weiter antun und eine neue Herausforderung annehmen wollte. Dann kam ein Anruf vom Team aus Fribourg in der Schweiz, die suchten einen Goalie. Das war trotz allem Frust eine schwere Entscheidung. Du gibst die mögliche Chance auf weitere NHL-Spiele quasi auf und wechselst auf einen anderen Kontinent, beginnst sozusagen eine neue Laufbahn. Wenn du aus der NHL raus gehst und nach Europa wechselst, dann ist deine Laufbahn dort im Normalfall beendet. Aber ich musste auch an die Zukunft und an meine Familie denken. Mein Sohn wurde in der Zeit geboren, und das war alles nicht unproblematisch. Er wog bei der Geburt nur ein Kilo, das war eine schwere Zeit für meine Frau und mich. Wir brauchten eine stabile Perspektive, die uns in der Schweiz angeboten wurde, also sind wir dorthin gegangen. Wir haben uns dort für drei Jahre sehr wohl gefühlt.
Frage: Bitte erzähle uns etwas über deine Spiele in Russland und die dort gemachten Erfahrungen.
Caron: Ich hatte eigentlich in der Saisonvorbereitung bereits in Fribourg verlängert, letztes Jahr. In der Schweiz sind aber nur vier ausländische Spieler erlaubt. Ich war eigentlich dort und bereit für die Saison, was schon etwas Besonderes war, da in der Schweiz nicht viele ausländische Goalies spielen.
Eigentlich war also alles klar, dann kam aber Cristobal Huet ins Gespräch, ein sehr guter Goalie mit Schweizer Pass. Da war es irgendwo auch verständlich, dass sich Fribourg um ihn bemüht hat, so ist das Geschäft einfach. Das Team in Russland war auf der Suche nach einem Goalie, da habe ich dann die Gelegenheit ergriffen. In Russland wird gutes Geld gezahlt und daher habe ich es dort versuchen wollen. Es hat aber ganz und gar nicht funktioniert. Das war keine gute Erfahrung, aber ich habe eine Menge daraus gelernt. Auch das Team war nicht besonders gut. Die Unterschiede in der Liga sind sehr groß. Ufa hat ein Budget von knapp 70 Millionen Dollar, unser Team hatte vielleicht 10 oder 12 Millionen. Ich war dann froh, als ich die Chance bekam, nach Lugano zu wechseln. Die hatten dort ein recht gutes Team, das aber nicht so richtig ins Laufen kam, am Ende haben wir mit viel Pech die
Play-Offs verpasst. Letztlich war das ganze Jahr ziemlich schwer für mich. Nach Tscheljabinsk muss ich nicht unbedingt nochmal zurückkehren, da müssten die mir schon extrem was bieten, das war eine andere Welt, auch was Eishockey angeht.
Frage: Mit Lugano hast du die Play-Offs verpasst, wie siehst du in diesem Jahr die Chancen für die Roosters.
Caron: Ich weiß nicht genau, es ist sicher toll, in die Play-Offs zu gehen, man versucht schließlich über die ganze Saison, das Team zu entwickeln und zu den Play-Offs auf einem neuen Level zu haben. Das funktioniert aus verschiedenen Gründen in den letzten Wochen besser. Jetzt ist mein Ziel, die Play-Offs zu erreichen und dann mal zu schauen, was wir erreichen können, auf jeden Fall hoffen wir, eine gute Rolle zu spielen.
Frage: Wie hat dir die Rückfahrt im Sonderzug aus Nürnberg gefallen?
Caron: Das war schrecklich (lacht). Nein, im Ernst, das hat mir viel Spaß gemacht. Es war toll, mit den Fans zu sprechen und zu feiern. Ich finde, das muss von Zeit zu Zeit mal sein. Wir wissen es sehr zu schätzen, wenn die Fans wegen uns zu den Auswärtsspielen fahren und uns unterstützen. Ich finde es gut, dass so viele von den Fans auch etwas Englisch verstehen, das hat mich sehr überrascht. Ich dachte erst, wir gehen in den Zug und keiner traut sich, uns anzusprechen. Das war eine Erfahrung, an der ich in den nächsten zwei Jahren gerne wieder teilnehme.
(Fortsetzung folgt)
